Das ewig junge Kultmobil: Happy Birthday, Vespa!
Corradino D’Ascanio wollte hoch hinaus. Der italienische Ingenieur gilt als einer der Pioniere des Hubschraubers. Seine Konstruktion D’AT3 stellte im Oktober 1930 drei fliegerische Rekorde auf – unter anderem schraubte sich der von ihm entwickelte Helikopter auf eine Höhe von 18 Metern. Berühmt jedoch wurde der Mann, der viele Jahre seines Berufslebens beim italienischen Flugzeughersteller Piaggio verbrachte, mit einem sehr viel bescheideneren Vehikel: dem Motorroller Vespa.
Offenbar war es ein Glücksfall, dass ausgerechnet ein Mann, der von Motorrädern keine Ahnung hatte, mit der Aufgabe betraut wurde, ein zweirädriges Motorfahrzeug zu entwickeln. Firmenchef Enrico Piaggio musste nach dem Zweiten Weltkrieg umdenken. Das Flugzeugwerk im toskanischen Pontedera war zerstört, zudem hatten die alliierten Siegermächte die Produktion von Rüstungsgütern bis auf weiteres untersagt. Zugleich war der Bedarf an billigen, robusten Transportmitteln enorm. Den Auftrag, so ein Gefährt zu konstruieren, erhielt Corradino D’Ascanio, der Hubschrauberexperte.
Dem damals 55-Jährigen gelang ein Geniestreich. Er erfand quasi das Motorrad neu: als Sitz auf zwei Rädern, mit Durchstieg, Schutzschild für die Beine und gekapseltem Motor – ein Fahrzeug, so bequem, einfach und unkompliziert wie nur möglich. Im Frühjahr 1946 wurde das ungewöhnliche Zweirad vorgestellt: die Vespa (dt.: Wespe) trat mit einem 98-Kubik-Einzylinder-Motor und einer Leistung von 3,2 PS an, konnte bis zu 60 km/h schnell werden und trug anfangs den Spitznamen „Paperino“ (dt.: Entchen).
Die Idee dieses Fahrzeugs erschloss sich auf den ersten Blick. So umstandslos wie mit einer Vespa ließ sich mit keinem anderen Mobil unterwegs sein. Ob Frauen im Petticoat oder Männer im Anzug – das Auf- und Absteigen war lediglich ein kleiner Schritt. Ölige Motorteile lagen unter der Verkleidung geborgen und auch vor Straßenstaub und Spritzwasser saß man auf einer Vespa recht gut geschützt. So modern und zugleich nahbar war kein anderes Fahrzeug.
Auch technisch überzeugte die Konstruktion, die aus dem Materialmangel der Nachkriegszeit einen Vorteil machte, indem die Vespa so robust und anspruchslos war wie kaum ein anderes Motorrad. Weil eine Kette für den Antrieb des Hinterrads zu teuer und aufwändig gewesen wäre, erhielt die Vespa eine sogenannte Triebsatzschwinge. Bei der bilden Motor, Getriebe und Radantrieb eine feste Einheit, die schwenkbar gelagert unter dem Sitz positioniert ist, und gleichzeitig als Hinterradschwinge dient. Am Vorderrad sorgt eine Kurzschwinge für ordentliche Fahrbahnhaftung. Das garantierte eine geradezu spielerische Fahrbarkeit, gepaart mit einfachster Wartung.
Das Erfolgsrezept ließ sich auch bestens erweitern. Ab 1953 etwa mit der Vespa 125, deren Motor eine Leistung von 5 PS entwickelte und eine Höchstgeschwindigkeit von 75 km/h ermöglichte. Zudem wanderte der Scheinwerfer von der Vorderradabdeckung hinauf an den Lenker. Spätere Neuerungen waren ein 150-Kubik-Motor, ein Vier-Gang-Getriebe, ein langer Doppelsattel über dem Heck sowie eine Spitzengeschwindigkeit von 100 km/h. Mit dieser Varianz ging es immer weiter auf dem Erfolgsweg: 1965 waren bereits mehr als drei Millionen Vespa weltweit verkauft; inzwischen liegt die Gesamtstückzahl bei mehr als 19 Millionen.
Ein Schlüssel dieses Erfolgs ist sicher, dass die Vespa nach wie vor als cool, modern und zeitlos gilt. Immer wieder wurde das Konzept verfeinert, angepasst und mit einem frischen Kick versehen. Es gibt eine kaum überschaubare Zahl an Modellen, Varianten, Sondereditionen und Lizenzfabrikaten. Und seit Oktober 2018 rollt die Vespa auch elektrisch in die Zukunft. Die Vespa Elettrica verfügt über eine E-Maschine mit 4 kW (5,4 PS), erreicht 45 km/h Höchstgeschwindigkeit und bietet eine Reichweite von 100 Kilometern.
In Deutschland wurde die Vespa ab 1950 bekannt. Bereits 1952 gründete sich der „Vespa Club von Deutschland“, in dem aktuell 253 über ganz Deutschland verteilte Mitgliedsclubs zusammengeschlossen sind. Weil sich die Vespa – zumindest in unseren Breiten – längst vom praktischen Alltagsvehikel zum Kultmobil gewandelt hat, wird der Spaß an der Fortbewegung auf diesem Gerät sowie das ikonische Design des Motorrollers regelmäßig gefeiert. Etwa bei „Scooter-Cup“ am Nürburgring über Pfingsten oder während der „13. German Vespa Rally“ vom 21. bis 23. August in Bremen.
Das Vespa-Ereignis in diesem Jahr, in dem der Kult-Roller den 80. Geburtstag feiert, findet allerdings in Italien statt. Zu den „Vespa World Days“ (25. bis 28. Juni) werden mehrere zehntausend „Vespisti“ mit ihren Vespa-Rollern erwartet. Die sommerliche Party ist das zentrale Jubiläums-Festival. Und natürlich hat Piaggio auch eine Sonderedition zum Jubeljahr aufgelegt: Die Modelle Primavera“ und GTS gibt es mit speziellem Emblem zum Achtzigsten sowie im klassischen Farbton „verde pastello“. So wie es aussieht, dürfte das Jubiläum abermals neuen Schwung bringen für diesen Zweirad-Klassiker. Und bis zum Hundertsten ist es ja gar nicht mehr so lange hin… (aum)
Veröffentlicht am 14.05.2026



















