2026-09-16 09:41:00 Automobile

Fahrbericht Geely E2: Viel Auto fürs Geld, wenig Gefühl für die Straße

Carzoom.de
Fotos: Geely via Autoren-Union Mobilität

Die wichtigste Nachricht schon mal vorweg: Für 19.990 Euro bringt Geely mit dem E2 einen Elektro-Kleinwagen, der sich nicht nach Verzichtsmodell anfühlt. Der Fünftürer kommt mit fünf Sitzplätzen, großer Bildschirmkulisse, reichlich Stauraum und einer Ausstattung, für die bei manchen Wettbewerbern erst weit oben in der Preisliste gekreuzt werden muss. Doch der günstige Chinese will mehr sein als ein reiner Preisbrecher. Hinterradantrieb, Mehrlenker-Hinterachse und eine nahezu ausgeglichene Gewichtsverteilung sollen ihm auch auf der Straße eine eigenständige Note verleihen.

Der Anspruch ist vielleicht nachvollziehbar, die Wirklichkeit sieht etwas nüchterner aus. Der E2 ist ein gut nutzbarer und angenehm kompakter Alltagsstromer, der vor allem im urbanen Umfeld seine besten Eigenschaften zeigt. Wer dagegen ein präzisen Kurvenkünstler oder ein intuitiv bedienbares Elektroauto erwartet, muss sich mit einigen Kompromissen zufrieden geben.

Mit 4,14 Metern Länge bleibt der E2 handlich genug für enge Innenstädte, Parkhäuser und verwinkelte Hofeinfahrten. Sein Wendekreis von 9,9 Metern passt ebenso dazu. Beim Rangieren fühlt sich der Fünftürer deutlich kleiner an, als seine großzügigen Innenmaße vermuten lassen. Die kurzen Überhänge helfen beim Abschätzen, die Kameras unterstützen beim Rückwärtssetzen und die leichtgängige Lenkung reduziert den Aufwand beim Einparken zusätzlich. Dass der E2 je nach Ausstattung eine 540-Grad-Kamera mit Unterbodenansicht bietet, klingt nach Technikspielerei. In engen Parkhäusern, dicht an Bordsteinen oder zwischen Pollern kann sie aber tatsächlich helfen.

Optisch trägt der Geely dagegen seine Raumökonomie nicht vor sich her. Die rundliche Karosserie wirkt eher freundlich als kraftvoll, mit schwarzen Kunststoffelementen an Schwellern und Radläufen bemüht sich der E2 dennoch um einen Hauch Crossover-Anmutung. Ein SUV ist er deshalb zwar nicht, doch seine Höhe von 1,58 Metern sorgt für eine aufrechte Sitzposition und ein luftiges Raumgefühl. Gerade im Stadtverkehr ist das angenehm: Der Fahrer sitzt nicht zu tief, die Übersicht ist ordentlich, und beim Ein- oder Aussteigen muss niemand in einen flachen Kleinwagen hinabsteigen.

Der Innenraum ist überraschend großzügig. Der lange Radstand von 2,65 Metern schafft im Fond Platz, der auch für Erwachsene reicht. Selbst größere Mitfahrer finden hinter einem passend eingestellten Fahrersitz noch genügend Knie- und Kopffreiheit. Dazu trägt der flache Boden bei. Er lässt den Fußraum offener erscheinen und erleichtert den Einstieg auf den mittleren Platz, auch wenn vielleicht keine fünf Erwachsenen auf Dauer zur bevorzugten Reisebesetzung werden sollten.

Beim Gepäckraum zeigt der E2 seinen Nutzwert besonders deutlich. Hinter der Heckklappe stehen 375 Liter bereit, bei umgelegter Rückbank wächst das Volumen auf bis zu 1320 Liter. Zusätzlich bietet Geely 70 Liter Stauraum unter der Fronthaube. Das ist mehr als ein Argument für die Prospektliste. Das Ladekabel verschwindet dort sauber, ohne ständig im Kofferraum herumzurutschen. Eine clevere Idee ist ein weiteres ausziehbares Fach unter der Rücksitzbank, das kleinere Taschen, Spielsachen oder Kinderkram aufnimmt. Ebenso wie das Handschuhfach, das nicht als Klappe, sondern als Schublade funktioniert. Ganz perfekt ist das hintere Ladeabteil aber nicht. Nach dem Umlegen der Rücksitzlehnen entsteht eine deutliche Stufe. Sperrige Gegenstände lassen sich zwar unterbringen, müssen aber über eine relativ hohe Kante gehoben und dann über den Absatz geschoben werden. Ein variabler Zwischenboden hätte das Problem entschärft.

Jetzt aber mal los und ab hinters Lenkrad. Ein Startknopf ist nicht nötig. Nach dem Entriegeln genügt ein Tritt aufs Bremspedal, dann wird die Fahrstufe über den Hebel rechts am Lenkrad eingelegt und erspart einen unnötigen Handgriff. Erfreulich vertraut ist die Spiegelverstellung. Statt sie im Touchscreen zu verstecken, setzt Geely auf einen klassischen Joystick an der Fahrertür. Solche kleinen Entscheidungen machen im täglichen Umgang mehr aus als ein weiterer Unterpunkt auf der Ausstattungsliste.

Die Einstiegsversion E2 Pro muss mit 60 kW beziehungsweise 81 PS auskommen, was für Stadtverkehr, Pendelstrecken oder den Weg zum Supermarkt womöglich auch ausreicht. Für die ersten Ausfahrten standen jedoch ausschließlich die 85-kW-Version bereit. Sie leistet 116 PS, liefert 150 Nm Drehmoment und benötigt 11,5 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h. Das ist nicht langsam im klassischen Kleinwagenverständnis, aber auch nicht der spontane Stromer-Schub, der von Elektroautos inzwischen zu erwarten ist. Bis etwa 100 km/h wirkt der Max beziehungsweise Ultra ausreichend munter, darüber verliert der Vortrieb spürbar an Nachdruck. Und bei 130 km/h ist ohnehin Schluss.

Der in diesem Segment selten verwendete Heckantrieb klingt zwar nach Fahrfreude, erfüllt dieses Versprechen aber nur teilweise. Positiv zu erwähnen ist zunächst die saubere Vorderachse. Beim Beschleunigen aus einer Kurve oder beim Herausfahren aus einer Einmündung muss sie nicht zugleich die Antriebskräfte auf die Straße bringen. Der E2 zieht ordentlich und ohne störendes Zerren los. Auch die relativ ausgewogene Achslastverteilung hilft grundsätzlich dabei, dass das Auto nicht von vornherein kopflastig wirkt.

In schnelleren Kurven bleibt der Geely dennoch eher ein bequemer Alltagswagen als ein besonders präziser Kleinwagen. Die europäische Abstimmung hat die Lenkung gegenüber der chinesischen Version spürbar verbessert. Sie lenkt williger ein und untersteuert weniger früh. Rückmeldung gibt es jedoch weiterhin nur in begrenztem Maß. Besonders bei niedrigem Tempo ist die Lenkung sehr leichtgängig, fast zu leicht. Im Sportmodus steigt der Widerstand etwas, verbindlich wird das Gefühl um die Mittellage aber nicht. Der Fahrer weiß zwar, wohin das Auto fährt, aber weniger deutlich, was die Vorderräder gerade mit dem Asphalt machen.

Auch das Fahrwerk ordnet sich in dieses Bild ein. Innerorts passt seine komfortable Auslegung gut zum Charakter des E2. Unebenheiten, Kanaldeckel und Pflasterstraßen verarbeitet der Wagen ordentlich. Der lange Radstand verhindert, dass der Aufbau über jede Bodenwelle nervös hüpft. Auf schnelleren Landstraßen wird die Abstimmung allerdings weich. Bei welligem Asphalt bewegt sich die Karosserie stärker, als es einem Auto mit Heckantrieb und Mehrlenkerachse gut zu Gesicht steht. Wer mit Schwung abbiegt oder enge Kurvenfolgen ambitioniert anfährt, merkt zudem, wie früh das ESP die Sache wieder ordnet. Das geschieht sicher, aber bisweilen recht energisch.

Auch die Bremsen passen nicht ganz zum modernen Eindruck. Im Normalmodus fehlt dem Pedal Rückmeldung, im Sportmodus wird die Dosierbarkeit zumindest etwas besser. Nicht nachzuvollziehen ist, dass die Rekuperation sich über den Zentralbildschirm in den Stufen Auto, niedrig, mittel und hoch einstellen lässt. Praktischer wäre eine Lösung über Lenkradwippen gewesen, ist die Anpassung doch während der Fahrt keine Funktion, für die man gern durch Menüs tippt. Und selbst in der höchsten Rekuperationsstufe entsteht kein echtes One-Pedal-Fahren. Der E2 verzögert nicht selbstständig bis zum Stillstand, sodass im Stadtverkehr der Griff zur Bremse häufig nötig ist.

Das Cockpit folgt der inzwischen weit verbreiteten Anordnung. Vor dem Fahrer sitzt ein 8,8 Zoll großes Instrumentendisplay, zentral thront ein 14,6 Zoll großer Touchscreen. Die Menüs sind im Grundsatz nachvollziehbar aufgebaut, und die virtuellen Schnellwahltasten passen sich dem jeweiligen Fahrzeugzustand an. Wer sich einmal eingearbeitet hat, findet viele Funktionen zügig. Trotzdem bleibt wie erwähnt der Eindruck, dass der Bildschirm zu viele Aufgaben übernehmen muss. Bei einem Kleinwagen, der vor allem im urbanen Umfeld eingesetzt wird, wäre eine klarere Trennung aus Tasten für häufige Funktionen und Display für komplexere Einstellungen angenehmer. Auch die Sprachsteuerung hilft nur eingeschränkt. Fenster öffnen oder schließen kann sie erledigen, dafür gibt es allerdings auch Schalter in der Tür. Für weitergehende Fragen oder intelligente Assistenz ist sie hingegen keine Alternative, eine KI-Funktion ist nicht integriert. Immerhin soll das System per Over-the-Air-Updates aktuell gehalten werden.

Beim Thema Batterie empfiehlt sich der Blick über die Basisversion hinaus. Der E2 Pro startet mit 35 kWh und bis zu 252 Kilometern WLTP-Reichweite. Die DC-Ladeleistung von 60 kW genügt für den Stadtbetrieb, macht Zwischenstopps auf längeren Strecken aber zur Geduldsprobe. Geely rechnet damit, dass die meisten ohnehin zum E2 Max mit 80 kW (116 PS) starken Antrieb ab 23.990 Euro greifen werden. Der fährt mit einem 47 kWh-Akku, bis zu 345 Kilometer WLTP-Reichweite und 80 kW DC-Ladeleistung, die den Energiespeicher in rund 28 Minuten von 30 auf 80 Prozent füllen soll. Ganz solide, aber bei weitem keine Bestmarke. Auch der AC-Bordlader arbeitet nur mit 6,6 kW. Über Nacht an der Wallbox mag der Akku damit wieder voll sein, an zeitlich begrenzten öffentlichen AC-Säulen bleibt das jedoch ein Problem.

Die Topversion Ultra mit identischem Antrieb und Batterie kostet 26.990 Euro. Dazu gibt es unter anderem Leichtmetallräder, elektrische Heckklappe, Ambiente-Beleuchtung, induktives Laden für Smartphones, Regensensor und die umfangreichere Kameraausstattung. Damit bleibt der Max die plausibelste Wahl: größere Batterie, kräftigerer Motor, Sitz- und Lenkradheizung, ohne den Aufpreis für Extras zu zahlen, die den Nutzwert nicht grundlegend verändern.

Der Geely E2 ist kein Kurvenkünstler und kein Meister der haptischen Bedienung. Seine Lenkung bleibt zu ungenau, die Bremsen zu rückmeldungsarm, die Rekuperation zu schwach für entspanntes Einpedalfahren. Doch er punktet dort, wo Kleinwagenkunden oft besonders genau rechnen: beim Platz, beim Stauraum, bei der Grundausstattung und beim Preis. Mit acht Jahren oder 200.000 Kilometern Garantie auf Fahrzeug und Batterie legt Geely zudem eine ungewöhnlich lange Absicherung nach. Dabei ist der E2 Max die interessante Variante. Er macht aus dem günstigen Einstieg nicht nur ein Stadtauto, sondern einen brauchbaren Pendler- und Zweitwagen für Menschen, die regelmäßig über die Stadtgrenze hinausfahren. (aum)

Daten Geely E2 Max

Länge x Breite x Höhe (m): 4,14 x 1,81 x 1,58
Radstand (m): 2,65
Antrieb: E-Motore, 80 kW (116 PS), Heckantrieb, 1-Gang-Automatikgetriebe
Max. Drehmoment: 150 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 11,5 Sek.
WLTP-Durchschnittsverbrauch: 13,4-14,7kWh
Batteriekapazität: 47,14 kWh
Reichweite (WLTP): 345 km
Max. Ladeleistung: AC 6,6 kW/80 kW DC
Leergewicht / Zuladung: 1440 kg / k.A.
Kofferraumvolumen: 375 Liter/1320 Liter + 70 Liter (vorn)
Anhängelast: k.A.
Preis: ab 23.990 Euro

Veröffentlicht am 16.09.2026

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