2026-03-28 09:26:00 Automobile

Fahrbericht: Haval H6 und Jolion Pro mischen den SUV-Markt auf

Carzoom.de
Fotos: GWM via Autoren-Union Mobilität

Great Wall Motor bringt nach Ora und Wey mit Haval eine weitere Produktlinie nach Deutschland. Den Auftakt machen der H6, ein 4,70 Meter langer Mittelklasse-SUV mit einem 243 PS (179 kW) starken Vollhybridantrieb, sowie der Kompakt-SUV Jolion Pro, der 4,47 Meter misst und mit einem konventionellen, 177 PS (130 kW) starken 1,5-Liter-Benziner angetrieben wird. So weit, so gewöhnlich. Ganz im Gegenteil zum Preis-Leistungs-Verhältnis, mit der die Chinesen ihre beiden Modelle im deutschen Markt platzieren, das so manchen Wettbewerber ins Grübeln bringen wird.

Denn was der GWM Haval 6 zu Preisen ab 31.990 Euro auffährt, gibt es bei vergleichbaren Modellen wie Honda CR-V, Nissan X-Trail, Mazda CX-5 oder auch Toyota RAV-4 nur für einige Tausender mehr. Von europäischen Herstellern wie VW Tiguan, Opel Grandland oder Peugeot 3008 gar nicht zu reden. Schon die Basisversion, bezeichnenderweise „Premium“ genannt, verfügt unter anderem über LED-Scheinwerfer, 2-Zonen-Klimaautomatik, 360-Grad-Kamera, elektrische Heckklappe, Sitzheizung auch im Fond, 19-Zoll-Aluräder sowie eine üppige Schar an Assistenzsystemen, die selbstständig ausweichen, notbremsen, Tempo, Abstand und Spur halten sowie Verkehrszeichen erkennen. Bei der Topversion „Luxury“ ab 34.690 Euro gehören auch ein Head-up-Display, Panorama-Glasschiebedach, elektrisch verstellbare Fahrer- und Beifahrersitz sowie induktive Ladeschale für Smartphones zur Serie. Und zur Einführung gewährt der deutsche Importeur bis Ende Juni auch noch einen Aktionsrabatt von 3000 Euro, sodass der Wagen auch schon für 28.990 Euro bzw 189 Euro monatlicher Finanzierungsrate zu haben ist.

Dabei ist der Haval H6, dessen erste Generation weltweit zu den erfolgreichsten Modellen des Herstellers zählt, mehr als nur ein Preisbrecher. Optisch tritt er selbstbewusst auf. Ein dominanter Kühlergrill, vertikale LED-Tagfahrlichter und große Leichtmetallräder prägen das Bild. Innen erwartet den Fahrer ein angenehm reduziertes Cockpit mit digitalem 10,25-Zoll-Kombiinstrument und einem zentralen 14,6-Zoll-Touchscreen. Klassische Knöpfe? Fehlanzeige. Fast alle Funktionen laufen über die glatte Oberfläche – intuitiv, wenn auch nicht immer ideal während der Fahrt. Die Materialien überraschen mit wertiger Anmutung und Verarbeitung. Kunstleder, saubere Nähte und ein heller Dachhimmel erzeugen eine wohnliche Atmosphäre. Statt auf vermeintlichen Premium-Kitsch setzt Haval auf solide Qualität. Mit 4,70 Metern Länge bietet der H6 reichlich Platz für fünf Personen, dazu kommen 560 Liter Kofferraumvolumen, erweiterbar auf 1445 Liter.

Wer sich hinter das Steuer setzt, merkt schnell: Der H6 fühlt sich vom ersten Meter an weniger nach klassischem Hybrid-SUV an, sondern eher wie ein Elektroauto mit Backup-Funktion. Die Batterie mit 1,67 kWh Kapazität ist zwar klein, reicht aber für den effizienten Boost und drückt den Normverbrauch auf 5,9 Liter. Im Stadtverkehr sind auch niedrigere Werte möglich. Denn gerade hier rollt das SUV häufig rein elektrisch, beinahe lautlos, während der Verbrenner unauffällig im Hintergrund bleibt. Das Zusammenspiel wirkt bemerkenswert harmonisch, ohne Aufheulen oder hektisches Wechselspiel, sondern als gleichmäßiger, fast gelassener Vortrieb. Das liegt vor allem am ungewöhnlichen Hybridkonzept. Statt eines stufenlosen Getriebes setzt Haval auf eine Zwei-Gang-Lösung. Im Ergebnis entsteht kein typischer „Gummiband-Effekt“, sondern eine nachvollziehbare Kraftentfaltung. Beim Beschleunigen baut sich die Leistung linear auf, auch Überholmanöver gelingen souverän, ohne dass der Antrieb akustisch aufdringlich wird.

Allerdings zeigt sich auch, wo Haval seine Prioritäten gesetzt hat. Der H6 ist kein Kurvenkünstler. Die Lenkung arbeitet leichtgängig, aber etwas teigig, Rückmeldung bleibt Mangelware. In schnell gefahrenen Kurven neigt sich die Karosserie spürbar, das Fahrwerk ist weich abgestimmt. Was auf der Landstraße an Dynamik fehlt, zahlt sich auf langen Strecken aus. Unebenheiten filtert das SUV souverän weg, selbst schlechter Asphalt verliert seinen Schrecken. Der H6 fährt nicht sportlich, er fährt beruhigend.

Der eigentliche Paukenschlag bleibt jedoch der Preis. Für das, was Ausstattung, Raumangebot und Antrieb leisten, bewegt sich der H6 eher auf dem Niveau eines Toyota RAV-4 oder VW Tiguan, liegt preislich aber eine Fahrzeugklasse drunter. Ein Szenario, das für etablierte Hersteller unangenehm werden dürfte.

Noch stärker könnte dieser Effekt beim kleineren Jolion Pro ausfallen. Das Kompakt-SUV tritt gegen Modelle wie den MG ZS, Honda HR-V oder Skoda Karoq an und setzt auf einen klassischen 1,5-Liter-Turbobenziner mit 177 PS. Die Kraftübertragung übernimmt ein 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, das beim Erstkontakt auf spontane Gasbefehle zögerlich und unschlüssig reagierte, um dann plötzlich mehr Schub als erwartet auf die Vorderräder zu schaufeln. Hat man sich jedoch an den eingebauten „Kavalierstart“ gewöhnt, lässt sich der Antrieb gut dosieren.

Die Fahrleistungen selbst jedenfalls können sich sehen lassen: 0 auf 100 km/h in 7,9 Sekunden, Spitze 190 km/h. Der Motor bleibt unterwegs meist dezent, wird erst bei höheren Drehzahlen hörbar. Beim Fahrwerk geht Haval einen ähnlichen Weg wie beim großen Bruder, allerdings mit leicht straffer Grundnote. Gerade auf schlechten Straßen wird das spürbar, ohne jedoch unangenehm zu werden. Auf längeren Strecken überzeugt der Kompakte mit stabilem Geradeauslauf und angenehmem Federungskomfort. Die Lenkung bleibt leichtgängig, liefert aber ebenfalls nur wenig Rückmeldung.

Mit einer Länge von 4,47 Metern zeigt sich das kompakte SUV im Innenraum überraschend großzügig. Vor allem im Fond profitieren Passagiere von viel Bein- und Kopffreiheit, die Sitzposition ist angenehm erhöht, womit sich auch längere Strecken bequem zurücklegen lassen. Die Verarbeitung wirkt robust, nichts klappert, nichts wirkt billig. Ein Eindruck, der angesichts des Preises bemerkenswert ist. Der Kofferraum fasst 381 Liter und wächst auf bis zu 952 Liter. Interessant ist die Mischung aus digitaler und klassischer Bedienung. Anders als im H6 gibt es im Jolion Pro zumindest einige physische Bedienelemente, etwa für die Lautstärke. Dennoch bleibt der Großteil der Funktionen im Touchscreen gebündelt. Die Menüführung ist verständlich, auch wenn die Systemsprache derzeit nur Englisch ist, was im täglichen Umgang jedoch weniger stört als erwartet.

Das Beste aber: Da der Jolion Pro ebenso wie sein großer Bruder Haval 6 aktuell nur über Einzelzulassungen auf den Markt kommen, entfallen einige EU-Vorgaben. Das heißt, es gibt kein Gebimmel und Gebammel, wenn man mal ein km/h zu schnell unterwegs ist, über den Strich fährt oder zu lange aufs Display oder zum Beifahrer schaut. Das sorgt für ein ungewohnt entspanntes Fahrerlebnis, dürfte aber langfristig keine Dauerlösung bleiben.

Preislich setzt der Jolion Pro die Messlatte noch ein Stück niedriger: 24.990 Euro kostet das SUV regulär, mit Rabatt sogar ab 22.790 Euro. Dafür gibt es bereits in der Basisversion Klimaautomatik, Sitzheizung, Panorama-Glasschiebedach und moderne Assistenzsysteme. In höheren Ausstattungen kommen Features wie Sitzbelüftung, Ambientelicht und größere Displays hinzu – Extras, die bei vielen Konkurrenten teuer bezahlt werden müssen.

Great Wall Motor positioniert Haval damit bewusst im klassischen Volumensegment, das von vielen Hersteller zuletzt vernachlässigt wurde. Der Jolion Pro lockt mit viel Platz und niedrigen Kosten, der H6 ergänzt das Angebot mit moderner Hybridtechnik und gehobener Ausstattung. Bis 2027 sollen weitere Modelle folgen – und der Druck auf die Konkurrenz dürfte mit jedem neuen Fahrzeug steigen. (aum)

Veröffentlicht am 28.03.2026

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