Praxistest Kia EV5 GT-Line: Schön viel von allem
Mit seinen hohen Flanken und mächtigen 19-Zoll-Leichtmetallrädern steht der Kia satt und nach Aufmerksamkeit heischend auf der Straße. Dir Front ist glatt und flächig, die LED-Scheinwerfer mit dem umrahmenden Tagfahrlicht setzen Zeichen. Unter der Haube vorn verbergen sich nicht nur E-Maschine und Leistungselektronik, auch ein immerhin rund 40 Liter großer Kofferraum bietet hier Platz für Ladekabel und Zubehör. Dass die Haube von Gasdruckhebern sanft unterstützt aufschwingt, ist nur eines der vielen Komfortannehmlichkeiten des EV5. Das Heck nimmt die strenge Sachlichkeit des Designs mit, und klar ist, dass die Klappe fernbedient oder manuell elektrisch öffnet und schließt.
Innen gibt es ein sachlich funktionales Interieur und vor allem viel Platz auf allen Sitzen. Bezogen mit einer Ledernachbildung können diese vorn elektrisch eingestellt werden, lassen sich außerdem belüften oder beheizen, wobei dies angenehmerweise nicht nur für die Sitzflächen, sondern auch die Lehnen gilt. Hinten lassen sich die beiden äußeren Plätze temperieren, wo famose Kopf- und Beinfreiheit herrscht. Die Lehnen im Fond lassen sich ebenfalls verstellen, hier geschieht das jedoch manuell. Sehr einfach klappen die Rückenlehnen nach vorn, dann entsteht dank des eingelegten Zwischenboden ein ebene Ladefläche mit niedriger Ladekante. Darunter ist noch mehr Platz für Ausrüstung und Zubehör, außerdem eine 230-Volt-Steckdose für die Stromversorgung externer Geräte. 556 Liter passen in den Kofferraum wenn die Rückbanklehnen aufrecht stehen, auf 1650 Liter steigt das Transportvolumen nach dem Umklappen. An der Zuladung dürfte selbst der anspruchsvolle Speditionsauftrag nicht scheitern, 511 Kilogramm sind erlaubt. Wer allerdings Zugwagenkompetenz sucht, sollte sich die Allradversion des EV5 ansehen. Die darf 600 Kilogramm mehr als die frontgetriebene Version anhängen, die es nur auf 1200 Kilogramm bringt.
Große glatte Flächen kennzeichnen das Cockpit des Kia. Auf der Schalttafel dominiert das zweiteilige Display mit jeweils 12,3 Zoll großen Monitoren. Auf dem linken werden die Fahrdaten und Ladefunktionen dargestellt, rechts sind die Navigation, die Mediathek und die Assistentenriege zusammengefasst. Die Menüs sind funktional aufgebaut und bergen keine Geheimnisse, erstaunlich und hilfreich ist die Vielzahl der manuellen Bedienungselemente, etwa für die Direktansteuerung der Klimatisierung und der Audio-Funktionen. Auch der Spurassistent lässt sich auf einen Knopfdruck abschalten, er greift dem Fahrer im Zweifelsfall ohnehin eher nur sacht ins Lenkrad. Auch der Hinweiston auf nicht eingehaltene Tempolimits ist erträglich und nervt nicht mit schriller Nervosität. Die Bedienung fällt also äußerst leicht, nur der Startknopf, der den Elektrikter zum Leben erweckt, will gefunden werden, denn er versteckt sich auf dem Getriebewahlhebel hinter der breiten rechten Lenkradspeiche.
Betont sportlich will der EV5 gar nicht sein, er gibt eher das geräumige SUV für die Familie. Dennoch schafft es der Zweitonner in 8,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Auch die Zwischenspurts gelingen rasch und zügig, Überholen wird zum Kinderspiel, zumal die Wankbewegungen der Karosserie äußerst gering sind. Das Spitzentempo wird zur Schonung des Akkus auf 165 km/h begrenzt, das reicht für die Alltagssituationen im Straßenverkehr allemal. Die Windgeräusche halten sich in Grenzen, das Geräuschniveau an Bord ist ohnehin sehr niedrig und allenfalls das Abrollen der Reifen gewinnt mit steigendem Tempo an Volumen.
Der Stromverbrauch war auf unseren Fahrten, die wir vornehmlich im Eco-Modus der vier voreingestellten Fahrprogramme zurückgelegt haben, sogar etwas niedriger als nach dem WLTP-Zyklus angegeben. Der nennt 16,8 kWh als Durchschnittswert, wir waren mit nur 16,5 kWh unterwegs. Das heißt, die angegebene Reichweite von etwas mehr als 500 Kilometer kommt durchaus in Sicht. Wer wenig Autobahn fährt und öfter auf Landstraßen oder in der Stadt unterwegs ist, wird ein nicht allzu häufiger Gast an der Schnelladesäule sein. Der Akku liefert 81,4 kWh, in wenig mehr als 30 Minuten bringen ihn 150 kW maximale Gleichstrom-Ladeleistung (DC) von 10 auf 80 Prozent. Wer mit Wechselstrom (AC) und dem serienmäßigen 11 kW-Gerät lädt, muss sich bis zu sieben Stunden fürs die komplette Füllung gedulden. Diese Zeit verringert der optionale 22 kW-Lader, den Kia für 990 Euro anbietet.
Das Fahren mit dem EV5 ist dank der harmonischen Kraftentfaltung und der komfortablen Federung sehr angenehm. Die über Lenkradpaddles einstellbare Energierückgewinnung in mehreren Stufen erlaubt den Einpedalbetrieb, dann verzögert der Kia ohne die Bremse zu benutzen bis zum Stopp. Allein die mangelnde Karosserieübersichtlichkeit erfordert Vertrauen in die Assistenzsysteme und den Kamerabetrieb. Gerade beim Einparken liefert er willkommene Rundumbilder, mit denen sich der richtige Einschlagwinkel des Lenkrades finden lässt. Ebenso sorgen die Totwinkelkameras für einen erheblichen Sicherheitsgewinn, wenn sie bei Betätigung des Blinkers die jeweilige Fahrzeugflanke und das Umfeld dahinter im Display anzeigen. Im so genannten Drive-Wise-Paket für 1890 Euro sind obendrein und unter anderem die Querverkehrswarnung, der Ausstiegsmonitor, der Ein- und Auspark-Assistent sowie die Fernsteuerung dieser Funktion per Handy und eine Premiumsound-Anlage von Harman und Kardon zusammengefasst. Zum Schluss bleibt nur noch die Metalliclackierung als Extra übrig, für die Kia 790 Euro verlangt.
Der EV5 erfüllt so die meisten aller Ansprüche an ein familientaugliches Elektroauto, lediglich der Preis dürfte manchen Interessenten verschrecken. Allerdings bietet Kia das Plus an Ausstattung, für die man bei leistungsähnlichen Modellen wie etwa dem VW ID 4 noch ordentlich nachzahlen muss. (aum)
Daten Kia EV5 GT-Line
Länge x Breite x Höhe (m): 4,61 x 1,88 x 1,68
Radstand (m): 2,75
Antrieb: Elektromotor, Automatik, Frontantrieb
Leistung: 218 PS (160 kW)
Max. Drehmoment: 295 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 165 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 8,4 Sek.
Durchschnittsverbrauch (WLTP): 16,8 kWh
Reichweite: 505 km
Testverbrauch: 16,5 kWh
Batteriekapazität: 81,4 kWh
Leergewicht / Zuladung: min. 2169 kg / max. 511 kg
Anhängelast: 1200 kg
Kofferraumvolumen: 556–1650 Liter (+ 44,4-Liter-Frunk)
Preis: 51.990 Euro
Testwagenpreis: 54.670Euro
Veröffentlicht am 28.05.2026









