2026-09-18 10:01:00 Automobile

Praxistest Kia PV 5 Passenger: Ballsaal auf Rädern

Carzoom.de
Fotos: Autoren-Union Mobilität/Michael Kirchberger

Kia lässt nicht locker bei der Entwicklung elektrischer Antriebe. Die haben mittlerweile auch das Kleinbus-Segment erreicht und so fährt der PV 5 mit Elektromotor und respektabler Akku-Kapazität als hinten fensterloser Lastenträger oder ordentlich möbliert und innenverkleidet mit sieben, sechs oder auch nur fünf Sitzplätzen vor. Mit letzterer Version waren wir einige Tage unterwegs und haben uns am Ende nur ungern von dem koreanischen Kleintransporter getrennt. Was nicht unbedingt an seiner technischen Perfektion liegt. Der Elektrobus ist einfach praktisch, lässt sich gut manövrieren und in angemessener Zeit aufladen.

Dabei ist der Kia-Bus nicht für alle ein formaler Genuss. Höhe und Breite sind identisch, die Länge bleibt mit 4,7 Meter im parkhaustauglichen Dimensionen. Der PV 5 hat daher den Charme eines Kastenweißbrotes, erinnert mit seiner stumpfen Front ein wenig an Lord Voldemort, den nasenlosen Bösewicht aus Harry Potter. Wirklich böse ist der Elektrobus von Kia jedoch nicht. Im Gegenteil, er ist eher ein Transportmonster. 1330 Liter passen beim Fünfsitzer hinter die zweite Sitzreihe, das ist rekordverdächtig und lässt alle Alltagssorgen in Dingen des Transports vergessen. Und es geht noch mehr. Wer die Rückbank umklappt, kann unglaubliche 3615 Liter Gepäck einladen, die riesige Fläche lädt beinahe wie ein Ballsaal zum Tänzchen ein. Bei der Spitzenversion „Elite“ öffnet und schließt Heckklappe elektrisch und gibt den hinteren Eingang auf voller Breite und Höhe frei, zusätzlich kann das Transportgut auch über die beiden ebenfalls elektrisch betriebenen Schiebetüren im Fond eingeladen werden. Sonst gelangen durch sie die Rückbankpassagiere mühelos und verrenkungsfrei an Bord.

Zurückhaltung fordert nur die begrenzte Zuladeerlaubnis ein. 455 Kilogramm gestattet Kia, bevor das zulässige Gesamtgewicht von strammen 2215 Kilogramm überschritten wird. Dafür darf der PV 5 immerhin 1500 Kilogramm auf den Haken nehmen, das ermöglicht den Anhängerbetrieb mit veritablen Trailern. Der Antrieb steckt diese Tonnage meist mühelos weg. Mit einer Leistung von 120 kW (163 PS) und einem maximalen Drehmoment von 250 Newtonmetern gehört der Kia zwar nicht zu den muskelbepackten Vertretern des Genres, kommt aus dem Stand dennoch in akzeptablen 10,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Temposkala ist hier nicht nach oben offen, bei 135 km/h gebietet die Elektronik Einhalt, um den Verbrauch nicht ins Unermessliche steigen zu lassen.

Der Lithium-Akku speichert 71,2 kWh brutto, Kia gibt eine Reichweite von bis zu 412 Kilometern an, die wir auf unseren Fahrten auch weitgehend erzielen konnten. Mehr noch, der PV 5 bietet Luft nach unten, und zwar beim Stromverbrauch. Der gefühlvolle Umgang mit dem Pedal rechts neben der Bremse ergab einen durchschnittlichen Konsum von nur 17,3 kWh auf der Standarddistanz. Die Reise auf der Landstraße ins Oberhessische und zurück nach Frankfurt gelingt so ohne Zwischenstopp fürs Energietanken. Wenn der notwendig wird, ist keine allzu große Geduld erforderlich. Mit einer Ladeleistung von 130 kW schafft der Kia das Befüllen der Batterie von 10 auf 80 Prozent in etwa 30 Minuten.

So bequem der Einstieg für die Passagiere ist, so sehr müssen Fahrer und Beifahrer an ihren Boarding-Geschicklichkeiten feilen. Der direkte Schritt hinauf zum in gut 80 Zentimetern Höhe siedelnden Pilotensitz ist weit und erfordert Gelenkigkeit. Hilfreich ist dabei der Haltegriff an der A-Säule, der eine gern angenommene Hilfestellung anbietet. Oben angekommen, fällt der Blick auf das Infodisplay hinter dem Lenkrad und eine weite Plastikwelt aus nicht besonders griffsympathischem Kunststoff. Die aber birgt weitere Fächer, Kisten und Ablagen, die dem PV 5 zusätzliche Transporteurstauglichkeit bringen. Ungewöhnlich ist der Auszug unter der Mittelkonsole, ebenso das Fach über dem kleinen Lenkrad, dessen Befüllung nur zweihändig gelingt. Aus Gründen der Verkehrssicherheit wird der Deckel nicht von einer Feder hochgehalten, öffnete er sich zufällig während der Fahrt, würde die Sicht auf die Straße versperrt. Weitere Ablagen finden sich vor dem Beifahrer und zwischen den beiden vorderen Sitzen. Ein Held, wer wirklich alle Fächer belegen kann.

Das Fahren des Elektrobusses fällt leicht. Dank der in drei Stufen einstellbaren Rekuperationsstärke lässt sich der Kia im Einpedalbetrieb bewegen, Lenkung und Bremsen wirken dabei aber etwas diffus und unexakt, dafür herrscht beim Überblick keine Not. Parkpilot und Rundumkamera helfen nicht nur beim Rangieren, auch der tote Winkel wird zuverlässig mithilfe von Kameras in den Außenspiegeln optisch überwacht, ihre Aufnahmen werden beim Betätigen des Blinkers auf der Fläche des digitalen Tachos oder Drehzahlmessers eingespielt. Die Nervensägen unter den Assistenzsystemen wie Spurwächter und Tempowarnung lassen sich auf direktem Weg abschalten, sonst gelingt die Steuerung über den zentralen, 12,9 Zoll großen Touchscreen in der Mitte der Schalttafel eher einfach.

Beim Fahrverhalten gehört der frontgetriebene PV 5 nicht zur Führungsriege der Klasse. Wenn die Straße nass ist und die Fahrbahn in schlechtem Zustand, verliert er an Traktion und Federungskomfort. Das bessert sich, wenn die Familie samt Urlaubsgepäck komplett an Bord ist, dann beginnt jedoch die Karosserie in Kurven beträchtlich zu Wanken. Für sportliche Fortbewegung ist der Kia aber auch nicht gedacht. Seine Domäne ist die ruhige und gleichmäßige Fahrt und nicht die Kurvenhatz, was ohnehin ein probates Mittel gegen die nervösen Mägen der Rasselbande auf dem Rücksitz ist.

42.390 Euro kostet die Basisversion des Kia PV 5 als Ausstattungsstufe Essential. Für die Spitzenversion Elite verlangt der Händler 45.440 Euro, der E-Bus ist also förderfähig. Wer eine Berechtigung für den staatlichen Zuschuss hat, bekommt einen vollausgestatteten Familien-Van mit unerschöpflichem Stauvermögen und akzeptabler Reichweite. (aum)

Daten Kia PV5 Passenger Elite 71,2 kWh

Länge x Breite x Höhe (m): 4,7 x 1,99 x 1,99
Radstand (m): 3
Antrieb: elektr. FWD, Reduktionsgetriebe
Systemleistung: 120 kW / 163 PS
Drehmoment: 250 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 135 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 10,6 Sek.
WLTP-Durchschnittsverbrauch: 19,3 kWh
Testverbrauch: 17,3 kWh
Batteriekapazität: 71,2 kWh
Ladeleistung: AC 4,1–11 kW, DC 150 kW
Reichweite (WLTP): 412 km
Zul. Gesamtgewicht / Zuladung: 2215 kg / max. 455 kg
Kofferraumvolumen: 1330–3615 Liter
Max. Anhängelast: 1500 kg
Preis: 45.440 Euro

Veröffentlicht am 18.09.2026

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