2026-05-22 17:02:00 Automobile

Fiat erinnert an den ersten Minivan der Welt

Carzoom.de
Fotos: Fiat via Autoren-Union Mobilität

Noch bis zum 30. Juni erinnert der Heritage Hub von Fiat in Turin mit einer Sonderausstellung an den 600 Multipla. Das Werksmuseum zeigt Vorserienmodelle und eine ganze Reihe spezieller Karosserievarianten des im Jahr 1956 präsentierten Fahrzeugs, das als erster Minivan der Welt gilt.

Der Fiat 600 war bereits seit rund einem Jahr auf dem Markt, als der Autohersteller eine damals revolutionär neue Karosserieversion präsentierte: Der von Dante Giacosa designte Multipla war das erste Großserienfahrzeug mit einer so genannten Monovolumen-Struktur. Die Seitenansicht wies nicht die traditionelle Aufteilung in Motor- und Kofferraum sowie Passagierkabine auf, sondern bildete von vorderer bis hinterer Stoßstange einen durchgehenden Karosseriekörper.

Die Geburtstagsausstellung zeichnet die Historie des Fiat 600 Multipla vom ursprünglichen Entwurf Giacosas bis zu den zahlreichen Serienversionen nach. Komplette Fahrzeuge, Skizzen und Tafeln zum kulturellen Kontext vermitteln den handwerklichen und kreativen Prozess von der Idee bis zum endgültigen Design. Zu sehen ist unter anderem das Urmodell aus Holz, das während der Produktion zur Überprüfung der Qualität und der korrekten Abmessungen der Karosseriekomponenten verwendet wurde.

Ein Fahrzeug entstammt der ersten Bauserie, ein weiterer Fiat 600 Multipla tritt in den Farben der Carabinieri auf. Der ehemalige Einsatzwagen der italienischen Militärpolizei ist Teil der Sammlung des Heritage Hub. Ein weiteres Exponat der Ausstellung „Monovolume“ ist ein 600 Multipla aus Privatbesitz, der sein automobiles Leben als Taxi begann. Nach der Restaurierung wurde das Fahrzeug für außergewöhnliche Reisen vorbereitet. Seine Besitzer folgten damit den Routen Marco Polos über mehr als 37.000 Kilometer, fuhren zweimal zum Nordkap und durchquerten Russland von Moskau nach Wladiwostok in Sibirien – im Winter.

Der vielseitige Fiat 600 Multipla wurde von 1956 bis zum Frühjahr 1967 im Werk Mirafiori in nahezu 243.000 Exemplaren produziert. Er übernahm die technische Architektur der Limousine mit Heckmotor und Hinterradantrieb. Der Fahrgastraum erstreckte sich allerdings über die gesamte Länge. Im Vergleich zum Fiat 600 war das Lenkrad deutlich weiter nach vorne verlegt. Wo bei der Limousine Kraftstofftank und Reserverad untergebracht waren, war beim Multipla eine zweisitzige Bank verbaut. Die nahezu senkrechte Frontpartie ermöglichte aus der ersten Reihe einen guten Überblick über die Straße.

In der zweiten Reihe nahm eine weitere Sitzbank je nach Modellversion zwei oder drei Passagiere auf. Der Gepäckraum zwischen Rückenlehne und Motorraum bot eine großzügige Staufläche. Durch Umklappen der hinteren Sitzbank ließen sich zwei Schlafplätze mit einer Länge von nahezu zwei Metern schaffen. Darüber hinaus gab es den Fiat 600 Multipla auch als sechssitzige Version mit vier klappbaren Einzelsitzen in der zweiten und dritten Reihe. Bei umgelegten Sitzen entstand eine Ladefläche von mehr als 1,75 Quadratmetern, die über die beiden Seitentüren zugänglich war.

Die erste Serie wurde von einem Vierzylindermotor angetrieben, der aus 633 Kubikzentimetern Hubraum 22 PS produzierte. Die Kraftübertragung übernahm ein Vier-Gang-Getriebe. Die neu entwickelte Vorderachse war vom Fiat 110/103 abgeleitet und wies doppelte Querlenker, Schraubenfedern, Stoßdämpfer sowie einen Kurvenstabilisator auf. Damit zeigte der Fiat 600 Multipla ein ausgezeichnetes Fahrverhalten. Die Gesamtlänge betrug 3,50 Meter, 31,5 Zentimeter mehr als bei der Limousine.

Die zweite Modellgeneration kam 1960 auf den Markt. Es handelte sich um eine umfassende Weiterentwicklung, die dem ursprünglichen Charakter des Fahrzeugs treu blieb. Der auf 767 Kubikzentimeter vergrößerte Hubraum brachte eine Leistungssteigerung auf 29 PS mit sich. Damit erreichte der Minivan eine Höchstgeschwindigkeit von 105 km/h.

Bereits kurz nach seiner Markteinführung führte der Fiat 600 Multipla zu einer ganzen Familie von Derivaten, die eine ganze Epoche der italienischen Mobilität prägen sollten. OM, damals eine Nutzfahrzeugmarke der Fiat-Gruppe, begann mit der Serienproduktion des Lieferwagens 600 OM auf Basis des Fahrgestells. Bei Fiat entstand der Transporter Fiat 600T, der von 1961 bis 1968 produziert wurde und später zum Fiat 850T weiterentwickelt wurde.

Unter den Karosseriebauern, die das Fahrgestell für maßgeschneiderte Lösungen nutzten, ragte die Turiner Carrozzeria Coriasco mit einer breiten Palette heraus. Coriasco baute auf Basis des Multipla unter anderem Kastenwagen, Pick-ups, Krankenwagen und Kleinbusse. Alle übernahmen die charakteristische Frontpartie. Trotz direkter Konkurrenz zu den OM-Modellen wurden sie über das offizielle Vertriebsnetz von Fiat vermarktet.

Die wandelbare Architektur des Fiat 600 Multipla faszinierte außerdem die Welt von Freizeit und Tourismus. So entstanden für Badeorte. Die im Italienischen Spiaggina genannten Versionen wurden entweder in Kleinserie oder als Einzelanfertigungen von Karosseriebauern produziert.

Auch öffentliche Dienste machten sich die Qualitäten des Fiat 600 Multipla zunutze. Die Taxi-Version wies ein auf der Armaturentafel montiertes Taxameter, eine Gepäckplattform anstelle des vorderen Beifahrersitzes sowie die charakteristische Lackierung in Schwarz und Flaschengrün auf. So prägte der Fiat 600 Multipla während der Wirtschaftswunderjahre maßgeblich das Bild des italienischen Taxis.

Roberto Giolito, Leiter des Heritage Hub, erklärt: „Der Multipla war der erste in Großserie gefertigte Vertreter einer neuen Fahrzeuggattung. Bereits der revolutionäre Tropfenwagen Alfa Romeo 40-60 HP Aerodinamica von 1914, der 1933 vom US-amerikanischen Architekten Buckminster Fuller konstruierte elfsitzige Dymaxion und der stromlinienförmige Chrysler Airflow der 1930er- Jahre wiesen in dieselbe Richtung: Motor und Technik sollten stärker in die Fahrzeugstruktur integriert werden, um den Passagieren mehr Komfort bieten zu können. Mit dem Fiat 600 Multipla verlieh Dante Giacosa diesem Ansatz erstmals eine großserientaugliche Form. Es handelte sich nicht um eine moderne Kutsche rund um einen Motor, sondern um ein Stück Architektur, das um den Fahrgastraum herum konzipiert wurde. Gewissermaßen ein Sieg des Raums über die Mechanik. Auf diesem Konzept beruhen die späteren Multi-Space-Fahrzeuge, zu denen auch der Fiat Multipla von 1998 zählte.“ Letzterer genießt unter Autofans allerdings designerisch einen zweifelhaften Ruf (um es freundlich auszudrücken), bot aber drei Sitze in der ersten Reihe und konnte auch mit Edgasantrieb geordert werden.

Der Heritage Hub ist dienstags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 13 Uhr sowie von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Freitags und am Wochenende werden Führungen zu festen Zeiten angeboten. Tickets, inklusive Zutritt zur Ausstellung „Monovolume“, sind ausschließlich online erhältlich. Das Museum ist im ehemaligen Fiat-Werk im Turiner Stadtteil Mirafiori untergebracht und pflegt das Erbe der Marken Alfa Romeo, Fiat, Lancia, Abarth und Autobianchi. Die Sammlung umfasst mehr als 300 historische Fahrzeuge, darunter bedeutende Serienmodelle, Einzelstücke und weltweit einzigartige Prototypen. (aum)

Veröffentlicht am 22.05.2026

Marken & ModelleFiatOldtimer & HistorieFiat 600 Multipla


 
Hiermit akzeptiere ich die Datenschutzbedingungen, sowie kontaktiert zu werden.Mit (*) markierte Felder sind Pflichtfelder.