Im Rückspiegel: Die Königin der Flat-Tracker
Beim Flat-Tracker fand das getunte Triebwerk in einem modifizierten Racingrahmen Platz, der mit Ceriani-Gabel und Girling-Federbeinen verfeinert und von einem Fiberglastank nebst -bürzel in Harleys Rennfarbe Jet Fire Orange gekrönt wurde. Auf die leichten 19-Inch-Speichenrädern wurden Rennpneus gezogen, und die 2,8 Liter Motoröl zirkulierten durch einen optimierten Kreislauf.
Die Maschine brachte lediglich 134 Kilogramm auf die Waage. Eine Viertelumdrehung des Gasgriffs genügte, um die Drosselklappe vollständig zu öffnen. 200 Einheiten wurden dem AMA-Reglement enstprechend hergestellt. 3200 US-Dollar kostete eine XR – Bremsen nicht inbegriffen, denn im Flat-Track braucht es nur eine einzige davon und die konnten die Teams ganz nach persönlicher Vorliebe am Heck nachrüsten.
Zwei Jahre später erreichte die XR-750 ihre endgültige Reife. Leichtmetallzylinder und -köpfe erlaubten ab 1972 eine höhere Kompression und waren thermisch gesünder als das bisherige Gusseisen. Den hinteren Zylinder drehten die Ingenieure um, so dass zwei mit wuchtigen Luftfiltern versehene 36er-Vergaser rechts und ein hochgezogener Auspuff links Platz fanden. Kurbelwelle, Pleuel, Kolben und Ventile wurden auf ein modifiziertes Bohrungs-Hub-Verhältnis hin neu konstruiert. Mehr Leistung und Standfestigkeit waren der Lohn der Mühe.
In den Jahren 1972 bis 2008 entschied die Flat-Track-Harley – ständig weiter optimiert – 29 der 37 AMA-Grand-National-Championships für sich. Auf ihr Konto gehen mehr Rennsiege als bei jedem anderen Motorrad in der Geschichte der AMA. Stuntman Evel Knievel vollführte seine spektakulärsten Sprünge auf einer XR-750, und das Guggenheim Museum erkor sie zu einem der Schmuckstücke in der Ausstellung „The Art of the Motorcycle“. Zu ihren straßenzugelassenen Derivaten gehören die 1983 eingeführte XR 1000 und die XR 1200, die 2008 auf den Markt kam.
Ab Beginn der 80er-Jahre fertigte Harley-Davidson statt kompletter XR-750-Flat-Tracker nur noch Motoren und sicherte die Teileversorgung für die Rennteams, die ihre Fahrwerke inzwischen ohnehin gern in Eigenregie zusammensteckten. Zum Ende des Jahrzehnts gab es dann statt der Motoren nur noch Teile. Wer eines der etwas mehr als 500 Komplettbikes aus Milwaukee besitzt, kann sich glücklich schätzen, denn es ist längst ein Vielfaches seines ursprünglichen Preises wert.
Noch heute donnern – inzwischen auf über 100 PS erstarkte – XR-750-Rennmaschinen über amerikanische Flat-Track-Pisten. Die Basis der XG 750R ist der flüssigkeitsgekühlte 60-Grad-V2 aus den 750er-Street-Modellen. (ampnet/jri)
Veröffentlicht am 09.06.2020
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